Der folgende Artikel von Eleanor Goldberg erschien am 13.01.2018 in der Huffington Post

 

Indianer, die sich keine Heizung leisten können, ergreifen verzweifelte Maßnahmen, um sich warm zu halten.

"Hier draußen fühlt es sich an, als würden wir in einer eigenen Welt leben. Wir haben nicht den Eindruck, dass wir in den USA leben, vielmehr fühlen wir uns wie Einwohner eines Dritte-Welt-Landes."

Mädchen mit Holzlieferung

 

Als die Temperaturen auf der Pine Ridge Reservation in Süddakota anfangs des Monats auf unter -15° C fielen, hatte ein junges Mädchen genug.

Sie war es leid, in der Wohnung zu frieren, während die Temperaturen draußen förmlich abstürzten, was relativ oft vorkommt. Sie hatte es satt dabei zuzuschauen, wie sich ihre Eltern ständig abmühten und um Holz bettelten, um das Haus zu heizen.

Das 12jährige Mädchen ging ins Badezimmer und versuchte sich umzubringen.

"Sie hatte es satt, in der Kälte aufzuwachen," erzählte Jimmy Two Bulls, der ebenfalls auf der Pine Ridge Reservation wohnt und der Familie hilft, der Huffington Post. "Das Leben auf der Reservation ist hart. Es ist ein ständiger Kampf."

Im letzten Jahr stieg die Selbstmordrate in Süddakota auf Rekordhöhe. Oglala Lakota County, einer der Landkreise innerhalb der Pine Ridge Reservation, war einer von 5 Landkreisen landesweit mit der höchsten Selbstmordrate. Leute, die Erfahrung im Umgang mit Depressiven und Selbstmordgefährdeten auf der Reservation haben sagen, dass dies teilweise auf die verheerenden Zustände, mit denen die Leute zu kämpfen haben, zurückgeht.

Während es keine Anzeichen dafür gibt, dass die Selbstmordrate im Winter ansteigt, sind Experten vor Ort der Meinung, dass die unbarmherzigen Lebensbedingungen im Winter sehr wohl Menschen zur Verzweiflung treiben können. Bei einer im Jahr 2016 von der UCLA Luskin School of Public Affairs durchgeführten Untersuchung kam heraus, dass es eine enge Verbindung zwischen Armut und Selbstmordraten in den USA gibt.

"Es ist hart und die Selbstmordgedanken bauen sich allmählich auf", erklärte Eileen Janis, 57 Jahre alt, die beim Oglala Sioux Selbstmordvorbeugungsprogramm arbeitet, der Huffington Post. "Sie sagen: "Mit ist alles egal, ich will nur noch sterben."

Janis' Organisation ist die einzige, die im Bereich Selbstmordprävention auf der Reservation arbeitet und sie, zusammen mit einer weiteren Beraterin, Yvonne DeCory, ist für die 40.000 Einwohner auf der Reservation da.

Beide Frauen sind 24 Stunden am Tag und 7 Tage in der Woche telefonisch zu erreichen.

Frau DeCory sagte uns, dass es vorkommt, dass sie von 3 – 4 Selbstmordversuchen in einer Nacht erfahren und das kann im ganzen Jahr passieren.

Die Pine Ridge Reservation, die größer als die US-Bundesstaaten Delaware und Rhode Island zusammengenommen ist (oder auf Deutschland bezogen, nur etwas kleiner als Schleswig-Holstein ist), ist der drittärmste Platz in den USA. Es ist die Heimat der Oglala Lakota und der Stamm ist ein Teil der Sioux Nation. Das jährliche pro Kopf Einkommen beträgt 9.150 $ (ca. 7.500 €) und 80 % der Einwohner sind arbeitslos.

Die allgegenwärtige Armut zwingt die Einwohner zu unmöglichen Entscheidungen: z. B. dazu, das wenige vorhandene Geld für Heizmaterial oder für Essen auszugeben.

Fürsprecher befürchten, dass Selbstmord die größte Gefahr im Winter ist. Aber es ist nicht die Einzige. Menschen, die in ungeheizten Wohnungen leben sind anfällig für Unterkühlungen und ältere Menschen sind insbesondere gefährdet, da sie oft ohnehin nicht ganz gesund sind. Diejenigen, die elektrische Heizgeräte haben, laufen Gefahr, dass das Haus anfängt zu brennen. Kinder, die in nicht ausreichend beheizten Räumen leben, können nachts nicht schlafen und sich tagsüber in der Schule deshalb nicht konzentrieren. Dies teilte uns Alice Phelps, 47 Jahre alt, Direktorin des Wounded Knee Schulbezirks mit.

"Die Kinder machen in der Schule nicht richtig mit. Wenn wir mit ihnen unter 4 Augen sprechen, hören wir meistens, dass sie in der vergangenen Nacht nicht geschlafen haben." Frau Phelps, die auf der Reservation aufgewachsen ist, teilte uns mit: "Sie sagen uns z. B. "Ich habe keine Decke. Die, die ich hatte, habe ich meiner kleinen Schwester gegeben." Es bricht einem das Herz."

Der Winter ist die Zeit, in der die Kinder die Schule am meisten schätzen, da das Gebäude beheizt ist und sie garantiert eine warme Mahlzeit bekommen. Lt. Frau Phelps sind fast alle Schüler zu dieser Jahreszeit in der Schule.

"Sie wollen in der Schule sein", sagte Frau Phelps. "Hier ist es warm und sicher. Ihre Grundbedürfnisse werden erfüllt.

 

Die Gemeinde Wounded Knee ist dabei, ein Schutzhaus für Kinder zu bauen. Es soll ein Platz für bis zu 10 Kinder sein, die hier im Notfall übernachten können, wenn sie nicht nach Hause können wegen familiärer Probleme, fehlender Wärme oder anderer triftiger Gründe. Das Gebäude ist im wesentlich fertig. Frau Phelps sucht jetzt noch jemanden, der das Haus führt.

 

Von Bob Claussen, dem Chef von Bob's Gas, einer Firma in Martin, Süddakota, erfahren wir, dass sogar die Familien auf der Reservation, die es sich leisten können, Propangas zu kaufen, um ihre Wohnungen zu heizen, meistens nur unzureichend viel Gas kaufen können, um das Haus bewohnbar zu machen, wenn die Temperaturen auf Minusgrade fallen.

Wenn möglich, fährt Claussen die 45 Meilen (ca. 72 km) von Martin zur Reservation und liefert das Gas aus. Er sagte uns, dass er normalerweise ca. 15 kleine Bestellungen im Wert von jeweils ca. 150 $ (ca. 120 €) für Propangas bekommt. Dies würde jedoch nur für ca. 3 Wochen reichen.

Mehrere gemeinnützige Organisationen arbeiten zusammen mit Gaslieferanten, um die bedürftigen Haushalte mit Propan zu versorgen. Lakota Kidz, eine Organisation, die sonst Bücher und Kleidung spendet, ist eine der Gruppen, die mit Bob's Gas zusammenarbeitet. Sie spenden genug Geld, um den Bedarf an Gas für ca. 30 Familien in einem Zeitraum von 2 Monate zu decken.

Im letzten Jahr erhielt der Stamm der Oglala Sioux 1,2 Millionen $ (ca, 980.000 €) vom Low Income Home Energy Assistance Program. Dies ist ein staatliches Programm, über welches arme Familien Zuschüsse bekommen, damit sie z. B. ihre Strom- und Gasrechnungen bezahlen können. Die Unterstützung aus diesem Hilfsfond wird in diesem Jahr geringer ausfallen.

Typisches Haus auf der Reservation

 

Zu dem Problem, sich überhaupt Heizmaterial leisten zu können, kommt für viele Einwohner der Reservation hinzu, dass sie in heruntergekommenen Häusern wohnen, die ganz einfach nicht für die strengen Winter im mittleren Westen geeignet sind.

Etliche dieser Häuser bestehen nur aus einem Raum und in mehr als der Hälfte von ihnen leben drei bis vier Familien zusammengepfercht unter einem Dach.

Sie haben kaum Alternativen, daher unternehmen die Menschen verzweifelte Anstrengungen, um warm zu bleiben. Manche lassen ihre Backöfen laufen, andere setzen sich in ihr Auto und lassen den Motor laufen. Dadurch steigt die Gefahr einer Kohlenmonoxidvergiftung.

Jeri Baker, die Gründerin von One Spirit, einer gemeinnützigen Organisation, die Bedürftige mit Feuerholz versorgt, erzählte uns, dass die Menschen teilweise ihre Fenster mit Plastikfolie als Isolierung abdecken.

Holz wird gespalten    Familie mit Holzvorrat

Die Organisation bezahlt 5 Arbeiter dafür, dass sie Holz sammeln und an bedürftige Haushalte verteilen. Die Arbeiter erhalten 100 – 150$ (ca. 80 – 120 €) für jeden Job. Im letzten Jahr hat One Spirit laut Jeri Baker ca. 11.000 € (ca. 9.000 €) an Gehältern und Ausrüstung für ihr Holzprogramm ausgegeben.

Jimmy Two Bulls, der für One Spirit arbeitet, wuchs auf der Reservation auf, aber es verschlägt ihm trotzdem noch die Stimme, wenn er über die Bedingungen spricht, unter denen die Menschen leben müssen. Er war schon in Häusern, in denen große Löcher im Boden waren. Kürzlich besuchte er eine ältere Frau, die keinen Griff an der Haustür hatte und ein Tuch benutzte, um sie geschlossen zu halten.

Neben seiner Arbeit für One Spirit spendet Jimmy Two Bulls was immer er erübrigen kann.

Neulich kam eine ältere Frau zu Jimmy Two Bulls mit einem Einmachglas voller Münzen im Wert von 67 $ (ca. 55 €). Sie fragte ihn, wieviel Holz sie dafür bekommen könnte. Er versorgte sie daraufhin kostenlos mit einer Ladung.

"Im großen und ganzen ist es schwer, das alles zu sehen", sagte er.

Die Reservation bereitet sich auf eine Kaltfront mit Sturm an diesem Wochenende vor. Lt. Wetterbericht sollen die Temperaturen auf -20° C fallen. Durch den erwarteten Sturm wird die gefühlte Kälte bei -30° C liegen.

Fürsprecher und Lehrer treffen die notwendigen Vorkehrungen. Die Damen Janis und DeCory sagten uns, dass sie ständig in Facebook unterwegs sind, um festzustellen, ob es Notfälle, besonders bei Kindern, gibt und sie geben ihre Telefonnummern an so viele Leute wie möglich. Andere Leute in der Gemeinschaft schauen nach älteren Mitbewohnern.

"Jeder ist im Überlebensmodus", sagte Frau Phelps. "Hier draußen fühlt es sich an, als würden wir in einer eigenen Welt leben. Wir haben nicht den Eindruck, dass wir in den USA leben, vielmehr fühlen wir uns wie Einwohner eines Dritte-Welt-Landes."

 
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